s Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran hielt nur rund 20 Tage, dann nahmen beide Seiten ihre militärischen Attacken wieder auf. Zwar waren sich die Marktbeobachter weitgehend einig, dass das Abkommen auf einem fragilen Fundament stand: Wesentliche Streitpunkte blieben ungelöst, ein erneutes Aufflammen der Kampfhandlungen galt daher als wahrscheinlich. Die außergewöhnlich kurze Halbwertszeit überraschte dann aber doch viele Marktteilnehmer – entsprechend zogen die Ölpreise spürbar an, und mit ihnen die Sorgen vor einem erneuten Anstieg der Inflation.
Ein weiterer Belastungsfaktor für die Aktienmärkte, insbesondere für die Bewertungen, bleibt das hohe Zinsniveau: Die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen verharren in den meisten Industrieländern nahe ihrer Mehrjahreshochs, vor allem die Realzinsen sind gestiegen. Ein Erklärungsansatz ist der enorme Kapitalbedarf des KI-Booms, der den Wettbewerb um verfügbares Kapital erhöht und damit einen Crowding-out-Effekt auslöst. Dadurch steigen die Finanzierungskosten für andere Kreditnehmer – Unternehmen ebenso wie Staaten –, was den Aufwärtsdruck auf die Zinsen erhöht. Da dieser Trend voraussichtlich anhalten wird, ist kurzfristig kaum mit einer spürbaren Entspannung bei den Zinsen und damit auch nicht mit nennenswerten Bewertungsausweitungen zu rechnen.
Trotz der skizzierten Belastungsfaktoren sind größere Kurskorrekturen bislang ausgeblieben – und das aus gutem Grund: Die aktuelle Berichtssaison ist stark gestartet und bestätigt die robuste Gewinndynamik der Unternehmen. Die hohen Gewinnerwartungen dürften mindestens erfüllt, eher aber erneut übertroffen werden. Solange diese fundamentale Stärke anhält, bleiben größere Rückschläge an den Aktienmärkten eher unwahrscheinlich.
Für Verunsicherung unter den professionellen Anlegern sorgen derzeit die Turbulenzen im globalen Halbleitersektor: Der anhaltende KI-Boom hat erhebliche Kapazitätsengpässe ausgelöst. Diese beschränken sich längst nicht mehr nur auf Hochleistungschips, sondern erfassen zunehmend weitere Bereiche der Halbleiterindustrie. Entsprechend sind Umsätze, Gewinne und Gewinnmargen vieler Unternehmen in den vergangenen Quartalen kräftig gestiegen und haben die Aktienkurse deutlich nach oben getrieben. Trotz dieser fundamentalen Unterstützung agierten Anleger zuletzt zunehmend vorsichtig und trennten sich von Halbleiterwerten. Hintergrund ist weniger die aktuelle Ertragslage als vielmehr die Unsicherheit über die Nachhaltigkeit des Booms.
Unter Investoren prallen derzeit zwei gegensätzliche Sichtweisen aufeinander. Die Skeptiker verweisen darauf, dass die Halbleiterindustrie insgesamt stark zyklisch ist und zum klassischen Schweinezyklus neigt. Hohe Gewinnmargen führen zu einem massiven Kapazitätsausbau der etablierten Hersteller und erhöhen zugleich die Attraktivität für neue Akteure, in den Markt einzutreten. Mit zeitlicher Verzögerung entsteht daraus ein Überangebot. Das setzt Preise, Gewinnmargen und letztlich auch die Unternehmensgewinne unter Druck.
Die Optimisten, darunter viele Unternehmen aus der Branche selbst, argumentieren hingegen, dass der KI-Boom einen strukturellen Nachfrageschub ausgelöst hat und sich die Branche erst am Anfang eines langfristigen Investitionszyklus befindet. Selbst bei einem kräftigen Kapazitätsausbau der Chiphersteller dürfte die Nachfrage das Angebot über Jahre hinweg übersteigen. In diesem Szenario blieben die Gewinnmargen nicht nur bei Hochleistungschips, sondern auch in weiten Teilen der übrigen Halbleiterindustrie auf einem hohen Niveau.
Welche Sichtweise sich letztlich durchsetzt, dürfte sich nicht im laufenden Jahr entscheiden. Nach unserer Einschätzung werden die Kapazitätsengpässe mindestens bis Mitte 2027 anhalten. Professionelle Anleger sollten günstige Bewertungen dennoch nicht isoliert betrachten. Auch wenn die Gewinnentwicklung derzeit außergewöhnlich robust ist, bleibt der Sektor aufgrund der Unsicherheit über die langfristige Angebots- und Nachfragedynamik mit erhöhten Risiken behaftet.
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