Bereits an den ersten Tagen des Jahres hat sich eine zentrale These unseres Jahresausblicks für 2026 bestätigt: „Politik treibt Märkte“. Die regelbasierte Weltordnung löst sich auf, und es bildet sich eine neue Struktur heraus, in der einzelne Länder ihre Interessen ohne Rücksicht auf übergeordnete Werte durchzusetzen versuchen. Dass dies auch für die USA gilt, ist für nüchterne Beobachter keine Überraschung. Es handelt sich vielmehr seit dem Amtsantritt Donald Trumps um die konzeptionelle Grundlage, auf der die US-Regierung agiert. Die Folgen dieser Entwicklung gilt es genau zu analysieren.
Aus den Ereignissen in Venezuela ergeben sich vorerst keine unmittelbaren Konsequenzen für die strategische und taktische Asset Allocation: Ein schneller Anstieg der Ölförderung in Venezuela ist angesichts der hohen Investitionserfordernisse, der wahrscheinlich hohen Förderkosten und des bereits jetzt bestehenden Überangebots an Öl auf dem Weltmarkt nicht anzunehmen. Die konkreten Auswirkungen werden auch durch die Tatsache begrenzt, dass sich die politische Ordnung Venezuelas vorerst nicht grundlegend ändert und eine Rückkehr des Landes zur Demokratie für die USA keine Priorität zu haben scheint. Dennoch gibt es einige Lehren und Erkenntnisse, die wir bereits jetzt aus dem Geschehen der vergangenen Tage ziehen können.
Erstens: In die Bewertung der Attraktivität regionaler Märkte müssen auch potenzielle Konflikte der jeweiligen Länder mit anderen Mächten einbezogen werden. Die Entscheidungsfreiheit einzelner Länder, mit wem sie sich verbünden wollen oder nicht, wird durch die faktischen Machtverhältnisse stark beschränkt. In Lateinamerika beispielsweise ist der Versuch Venezuelas, sich an China anzulehnen, gescheitert. Das dürfte Konsequenzen für Kolumbien und Kuba haben, während die Regierungen in Argentinien und Chile bereits jetzt explizit mit Unterstützung der USA rechnen und davon auch profitieren können. Anders verhält es sich mit Brasilien, dessen Regierung weiterhin versuchen wird, eine Art Äquidistanz zu den USA und China zu halten – inwieweit dies gelingt, bleibt allerdings abzuwarten. Mit Blick auf Europa bleibt festzuhalten, dass der Konflikt um Grönland in den kommenden Monaten eskalieren könnte, was für europäische Investments einen Belastungsfaktor darstellen würde.
Zweitens führt die Auflösung der regelbasierten Ordnung grundsätzlich zu einer größeren globalen Instabilität und zu einer höheren Wahrscheinlichkeit regionaler Konflikte. Allerdings sollten die konkreten Gefährdungspotenziale jeweils nüchtern betrachtet werden: Im Verhältnis Chinas zu Taiwan ändert sich die Interessenlage der Beteiligten und deren Kalkül für eigene Handlungsoptionen durch die jüngsten Ereignisse nicht. Die Position Chinas zur Taiwan-Frage und zur eigenen Positionierung im südchinesischen Meer ist eindeutig. Das Land hat in seinem diesbezüglichen Agieren schon bislang keine Rücksicht auf international gültige Regeln genommen und wird dies auch künftig nicht tun. Ein Angriff Chinas auf den Inselstaat ist seit Beginn des Jahres nicht wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher geworden.
Drittens zeigt sich für Europa einmal mehr die dringende Notwendigkeit, die geopolitischen Realitäten unabhängig von eigenen Wunsch- und Idealvorstellungen anzuerkennen und die eigene Positionierung entsprechend anzupassen. Dazu gehört, eine eigene europäische (!) Strategie zu entwickeln und die Entscheidungsmechanismen innerhalb Europas so zu reformieren, dass die Europäische Union (EU) außenpolitisch als einheitlicher Akteur auftreten kann und handlungsfähig ist. Ganz unmittelbar gehört dazu, endlich das Freihandelsabkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten zu unterzeichnen, da das strategische Interesse am Ausbau der Handelsbeziehungen mit den Ländern in der Region in jedem Falle Partikularinteressen einzelner Berufsgruppen oder Länder bei weitem überragt. Dass die EU-Mitgliedstaaten am Freitag vergangener Woche nach langem Ringen endlich mehrheitlich für den Abschluss gestimmt haben, ist ein Hoffnungszeichen. Allerdings muss nun auch noch das Europäische Parlament zustimmen.
Viertens schließlich dürfte die Robustheit, mit der die USA ihre eigenen Interessen durchsetzen, das Bestreben anderer Akteure antreiben, bestehende Abhängigkeiten von den Vereinigten Staaten so weit wie möglich zu begrenzen. Auch wenn dies mit Blick auf den US-Dollar schnell an Grenzen stößt, könnten die Bemühungen potenziell zu einer weiteren US-Dollarabwertung und einem weiter steigenden Goldpreis führen.